MITTELDEUTSCHE ZEITUNG BURGENLAND−JOURNAL SONNABEND, 28. NOVEMBER 2009

Wein aus Brauerei
IN VINO VERITAS René Schwalbe keltert seit zehn Jahren selbst. In Rollsdorf hat sich der Meister des scheinbaren Chaos ein urig Reich geschaffen.
VON WOLF-DIETRICH BALZEREIT

René Schwalbe
Auf ein Gläschen Weißen im Weinberg:
Rollsdorf-Winzer René Schwalbe mit Saale-Unstrut-Weinmajestäten.
FOTO: MATTHIAS SIEBERT
Umtriebig? Mit Sicherheit! Experimentierfreudig? Wer, wenn nicht er! Bodenständig? Selbst das! René Schwalbe könnte als Garagenwinzer durchgehen, wäre sein Domizil dafür nicht einen Hauch zu gewölbt. Und zu groß. Für hiesige Verhältnisse. Das Gewirr an Tanks, Leitungen, Fässern und Paletten, gerahmt von Etikettier- und Füllmaschinen, dem Kühlschrank in der Ecke und allerlei Irgendwas vermittelt nur oberflächlich den Eindruck von unbeherrschbarem Chaos. Der Mann mit dem Zopf weiß genau, wo was ist. Und vor allem auch warum! Zehn Jahre macht er jetzt Wein selbst. In etwa so lange liegt meine erste Begegnung mit dem Träger des ewigen Haargummis zurück. Die erste Kollektion, der ich habhaft wurde, hatte einen durchweg prägenden Geschmack nach Eisbonbon. Doch schon damals verbarg sich dahinter eine eigene Handschrift. Diese überlagernden Gäraromen sind längst Geschichte. Auch, weil Schwalbe seinen Weinen mittlerweile sehr viel Zeit lässt. In den Gewölben der einst als Brauerei genutzten Räume herrschen nahezu konstante Temperaturen, die eine lange und gezügelte Reife ermöglichen. Frühestens im Mai kommen die Weine des Vorjahres auf den Markt. Die weißen. Bei den roten steht meist das nächste Weihnachten vor der Tür. Mitunter auch das übernächste. Als Schwalbe mit Freunden die Idee hatte, Weine, die er trinken möchte, selbst so zu machen, wie sie ihm schmecken, fand zunächst Ingo Nitzschke die traumhaften Keller im Seeburger Ortsteil Rollsdorf. Doch Nitzschke war nicht Macher genug, das Potenzial von Ort und Weinbergen zu erkennen. Schwalbe erkannte das sehr wohl. Und so baute er Schritt für Schritt ein mittlerweile fünf Hektar umfassendes Gut auf. Zunächst fanden die üblichen Verdächtigen den Weg in die Presse. 1500 Stöcke als Basis - Müller-Thurgau, Riesling, Silvaner, Gutedel, ein Klecks Traminer - das war 1993. Günther Born machte den ersten Wein draus. Weißburgunder kam dazu. Später gingen die Experimente los. Elbling war so eins. Frühburgunder und Dunkelfelder fanden hier eine Heimat. Inzwischen auch St. Laurent. Den größten Schritt machte Schwalbe, als er eine extra für ihn zurechtgeschobene Halde des Braunkohleabbaus bei Stedten mit Reben begrünte. Als ihm Stare vor zwei Jahren fünf Tonnen wegfraßen, erlangte der Stedtener Pastorenstieg traurige Berühmtheit. Die durchweg höheren Oechslegrade im Vergleich zu seinen anderen Lagen bestärkten Schwalbe in seinem Projekt. Die sehr windanfällige Lage lässt ihn sehr dosiert zu Pflanzenschutzmitteln greifen. Eine weitere Eigenheit Schwalbes ist sein gutes Gedächtnis. Er hat nicht vergessen, wie er als Hobbywinzer angefangen hat und bietet kleinen und Kleinstwinzern den Service, ihre Trauben zu verarbeiten. „Nusspicker“ nennt er sie liebevoll. Selbst aus Braunschweig und Leipzig reiften schon Trauben hier. Wer Schwalbe während der Lese trifft, kann auch unfreiwillig komische Momente erleben, wenn die Dämpfe des gärenden Saftes ihr Werk tun. So traf ich ihn einst mit seinen Freunden beim fröhlichen Schlager-Raten an, während die letzten Trauben des Tages in die Presse rutschten. DDR-Schlager versteht sich. Dass dabei schenkelklopfendes Vergnügen über Sangeskunst siegte, ist bei der abgeschiedenen Lage ein Glücksfall. Schwalbes Weine haben in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung genommen. Dass er seinen Platz im Gault Millau verloren hat, hängt zu allererst damit zusammen, dass er keine Weine mehr einschickt, seit er eine gute Bewertung bekam, obwohl seine Weinsendung nur in Scherben bei den Testern ankam. An Verkostungstermine zu kommen, ist speziell im Herbst/Winter schwierig. Zu begrenzt ist der Platz. Im Sommer bietet der schöne Garten ausreichend davon. Das Projekt, die Namen gebende Mühle zum neuen Domizil auszubauen, wird derzeit gebremst verfolgt, da man in unmittelbarer Nachbarschaft zum Keller Wohnraum fand. Wer sich auf den urigen Winzer einlässt, wird feststellen, dass seine Weine alles andere als ein alter Zopf sind. Mein Tipp: Dunkelfelder und Frühburgunder. Aus der Flasche. Die selbst gemachten Speisen aus Zutaten der Region und so mancher Abend mit heimischen Künstlern runden das Bild ab.