Mitteldeutsche Zeitung, Mittwoch 31.Juli 2002,

Ungewöhnliches Experiment  
Auf Abraumhalde reift erster Wein
Winzer René Schwalbe schwört auf Pferdemist
Von Ralf Böhme
René Schwalbe

Dornstedt/MZ. Neue Trauben von alter Halde - dieses ungewöhnliche Experiment ist dem Winzer René Schwalbe offenbar geglückt. Seine Rebstöcke gedeihen nunmehr das dritte Jahr auf ehemaligem Bergbaugelände. Mitte September soll in der Nähe der Saalkreis-Gemeinde Dornstedt die erste Lese beginnen. Partner des Landwirts sind Experten der Martin-Luther-Universität Halle.

Der Weinbauer erkundet mit seinem neuen Anbaugebiet im wahrsten Sinne des Wortes Neuland. Allen Unkenrufen zum Trotz ist Schwalbe optimistisch. Wie zum Beweis hebt der Winzer immer wieder noch grasgrüne Trauben hoch. "Wenn die Beeren um diese Zeit größer als Erbsen sind, stehen die Chancen gut." Spielt im August das Wetter mit, erwartet Schwalbe einen Ertrag, der anderen Lagen in der Region nicht nachsteht.

Ihm gehe es zunächst gar nicht um Masse, allein die Qualität gebe den Ausschlag. Deshalb schneidet Schwalbe gegenwärtig noch kräftig aus, damit die Rebstöcke ihre Kräfte auf die Reife ausgewählter Trauben konzentrieren können.

Im ersten Anlauf, glaubt Schwalbe, werden die Trauben wohl nur für etwa 4 000 Flaschen reichen. Doch bis dahin vergehe noch viel Zeit. Bevor der Kellermeister seine Arbeit getan habe und der Wein abgefüllt werde, sei das kommende Frühjahr heran.

Die Entdeckung des Standortes liegt schon lange zurück. "Als Student streifte ich über die Halde, um Pflanzen zu suchen." An Weinbau habe damals niemand gedacht, so der inzwischen 35-jährige Schwalbe weiter. Es sei aber ein Erlebnis gewesen, zu beobachten, wie die Natur eine öde Fläche erobert. Lange hätten ihn Zweifel geplagt, ob die Reben dort zurecht kommen. Der Diplomlandwirt: "Es bleibt natürlich ein großes Wagnis."

Die ersten Schwierigkeiten sind inzwischen längst überwunden. Auf sechs Hektar reifen die Trauben: Müller-Thurgau, Weißburgunder, Silvaner, Portugieser und Kerner - jeweils 2 000 Stöcke pro Sorte. Das klingt nicht nur gut. Der Südhang sieht auch gut aus. Nichts erinnert mehr an Förderbrücke, Kohle-Bagger, Grubenbahn und Abraumhalde - vor einigen Jahrzehnten die prägenden Elemente in der Landschaft. Allenfalls dient der Schlot des Kraftwerks Amsdorf im Mansfelder Land als Orientierung.

Wenn es um Weinbau auf Bergbaugelände geht, sind Wissenschaftler der landwirtschaftlichen Fakultät nicht weit. Auf der Asendorfer Kippe, so berichtet Reiko Liermann, steht vor allem das Zusammenspiel von Erde, Wasser und Wind im Mittelpunkt des Interesses. In seiner Doktorarbeit soll unter anderem erklärt werden, ob und wie Nährstoffe von der Halde gespült werden. Rund um die Uhr werden dazu von einer Wetterwarte die Klimadaten erfasst. Eine weitere Station ermittelt computergestützt den Austrag von Erdreich nach Niederschlägen.

Anfängliche Verluste seien mittlerweile eingedämmt. Der Trick ist wenig spektakulär. "Zwischen den Reihen der Rebstöcke wurde ein spezielles Grasgemisch ausgesät, das die Ackerkrume festhält."

Theoretisch herrschen auf dem künstlichen Weinberg, darin sind sich die Fachleute einig, so günstige Bedingungen, wie sie sonst in der Natur nur selten anzutreffen sind. Neben der idealen Sonnenlage heben Schwalbe und Liermann vor allem den beinahe optimalen Untergrund der Steillage hervor. Die oberste Schicht der Halde be- stehe aus lockeren eiszeitlichen Materialien. "Die Mischung aus Ton und feinen Sedimenten stimmt." Außerdem schwört das Team auf Pferdemist, der von Zeit zu Zeit ausgebracht werde. Danach reckten und streckten sich die Reben wie im Bilderbuch. Ein noch ungelöstes Problem gibt es freilich noch. Es fehlt ein zugkräftiger Name für den Wein. Wegen der steifen Brise, die mitunter über den Hang weht, ist die Bezeichnung "Asendorfer Windkanter" im Gespräch.

Wandertipp

Station am Weg

Mit dem Anbauversuch auf der Asendorfer Kippe erweitert sich das Weinanbaugebiet Höhnstedt/Süßer See in Richtung Querfurter Platte. Gelegenheit mit Winzer René Schwalbe über dieses Projekt ins Gespräch zu kommen, bietet die traditionelle Weinbau - Wanderung am 31. August. Sein Weinkeller an der alten B 80, Alte Raststätte 1, ist eine der Stationen auf dem Rundweg. Gutsabfüllungen gibt es ab vier Euro pro Flasche.