Mitteldeutsche Zeitung 4.1.2005

Spürnase riecht Spitzenwein
Kellermeister am Höhnstedter Kelterberg: Wie fühlt sich der Rebensaft im Winter?

 

René Schwalbe

Riechen, schmecken, schauen - René Schwalbe will wissen, wie sich der Rebensaft entwickelt. Im Februar beginnt die Abfüllung in Flaschen. Der Rotwein ist freilich erst im Sommer dran. (MZ-Foto: Günter Bauer)
 

Höhnstedt/MZ.  Uneingeweihte meinen vielleicht, dass Weinbauern wie René Schwalbe die ersten Tage des neuen Jahres mit süßem Nichtstun verbringen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Winzer wollen wissen, wie sich ihr Rebensaft fühlt. René Schwalbe steigt dazu in ein großes gemauertes Kellergewölbe am Grunde des Höhnstedter Kelterberges.

Die Fässer sind randvoll. Bei zehn Grad lagert der jüngste Jahrgang, der später - je nach Reife - in rund 15 000 Flaschen abgefüllt werden soll. Mittlerweile ist die Gärung weitgehend zum Stillstand gekommen. Schwalbe: "Jetzt geht es mir um die inneren Werte." Duft, Geschmack und Farbe müssen stimmen, Fehltöne sollen frühzeitig erkannt oder am besten gänzlich vermieden werden. Alles andere ginge zu Lasten der Spritzigkeit und fruchtigen Aromen. Um Schaden abzuwenden, braucht man vor allem eine Spürnase, aber nicht nur. Auch auf einen empfindsamen Gaumen kommt es an.

Und selbst damit will sich der studierte Landwirt nicht zufrieden geben. In bestimmten Abständen schickt der gebürtige Hallenser die Proben seines Könnens ins Labor nach Freyburg. Säuregrad, Alkohol- und Eiweißgehalte sowie Restzucker sind einige der Kriterien, die dem Fachmann helfen, unerwünschte Prozesse notfalls zu stoppen. Bislang dürfte der Winzer alles richtig gemacht haben, denn sämtliche Parameter signalisieren - "im grünen Bereich".

Der 38-Jährige ist optimistisch, dass im Februar der erste Weißwein - Silvaner - abgefüllt werden kann. Es folgen der Müller-Thurgau und Gutedel. Den Reigen krönen im Frühsommer der Weißburgunder und andere Spätlesen. Ein Kapitel für sich sind die Rotweine von den Hängen oberhalb der Rollsdorfer Mühle. Ihr Bukett entwickeln diese edlen Tropfen in schweren Eichenholzfässern. 225 Liter passen jeweils hinein. Sechs Monate verbringen sie dort, bis Ende August die Abfüllung beginnt. Auf den traditionellen Hof- und Weinfesten im Spätsommer erweisen sich gerade diese Flaschen als absolute Verkaufsschlager.

René Schwalbe bewirtschaftet nur viereinhalb Hektar. Mit 23 000 Rebstöcken, darunter einige Steil- und Südhanglagen, gilt diese Fläche als vergleichsweise kleines Weingut. Dennoch ist der Ein-Mann-Betrieb bereits in Feinkostgeschäften wie im halleschen Kaufhof gelistet. "Spitzenweine sind meine einzige Chance, denn die Konkurrenz ist übermächtig."