Mitteldeutsche Zeitung „Wirtschaft“ Sonnabend 11. Mai 2002

Weingut Rollsdorfer Mühle 

Gipfelstürmer nimmt den nächsten Anlauf 

René Schwalbes 2001er Weine werden nächste Woche abgefüllt

Von Sylke Hermann

René SchwalbeRollsdorf/MZ. René Schwalbe hat schnell gemerkt, worauf es wirklich ankommt: „Am besten man kennt jemanden, der jemanden kennt.“ Und er hat weiter nach Erfolg verheißenden Faustregel gefahndet: „Man muss etwas riskieren, um zu sehen, wo man steht.“ Jetzt weiß er es. Gault Millau Wein Guide; Seite 613; Weingut Rollsdorfer Mühle (neu), Seeburg, Ortsteil Rollsdorf. „Die 2000er Weine sind durch die Bank von zuverlässiger Güte.“

Na, bitte. Der Jungwinzer sieht sich bestätigt. All die Stunden im Weinberg, jeden Tag, bei Sonne, bei Regen, bei Wind, die Diskussionen, was gut ist für den Wein, was schlecht, die Befürchtung, den eigenen Qualitätsansprüchen nicht zu genügen - vorbei, vergessen: "zuverlässige Güte". Aus diesen Worten schöpfte er Mut für den nächsten Jahrgang und den übernächsten gleich mit.

Was einst im kühn vorgebrachten Tatendrang unter Freunden seinen Anfang nahm, gipfelt vorerst im Gault-Millau-Eintrag. Ein halber Hektar genügte vor acht Jahren, verstohlen an die eigene, selbstständige Existenz zu glauben. Vier junge Leute - René Schwalbe war einer von ihnen - kauften gemeinsam einen Weinberg. In einem Gebiet, das weitere 50 Kilometer nördlich vom vermeintlich nördlichsten Anbaugebiet Deutschlands an Saale und Unstrut gelegen ist. Mitten im Mansfelder Land. Der Süße See ist nah. 

Die Weinliebhaber hatten ursprünglich nur eines im Sinn: "Wir wollten so viel Wein erzeugen, wie wir selbst trinken können." Schwalbe, der in Halle Landwirtschaft mit Schwerpunkt Bodenschutz studiert hatte, blieb bald als einziger über, seinem Hobby treu und im Keller nicht lange allein. Ein weiterer Pächter zog ein. Aber: "Es sind zwei Weingüter, zwei Keller." Und zwei Auffassungen, Wein gedeihen zu lassen. Schwalbe hat für "pure Ökologie" nichts übrig, lehnt die "völlige Prophylaxe" aber genauso ab. "Viel hilft nicht unbedingt viel." Von Herbiziden und Insektiziden lässt er die Finger ganz, Fungizide, die Mittel gegen Pilze, setzt er nur gezielt, "wenn es nötig ist". "Diesen Luxus", weiß er, "kann man sich aber nur leisten, wenn man die Zeit hat, die Pflanzen ständig zu beobachten." Noch hat er sie, aber sie wird knapper. Was nichts daran ändert: "Wer hier in der Region Wein verkaufen will, schafft das nur über die Qualität." Bei 5000 Litern Wein pro Hektar ist für ihn Schluss, auch wenn ein Ertrag von 9500 zulässig wäre. "Die Qualität würde leiden."

Bislang verlassen jährlich 10000Flaschen Wein Schwalbes zehn Grad kühlen Keller, 35000 sollen es einmal werden. Schwalbe ist nicht unzufrieden, wie die Geschäfte laufen: "Ich wollte immer etwas tun, was mir Spaß macht und womit ich Geld verdienen kann." Die alten Kontakte zur Universität in Halle nutzt er, Fremde wie Einheimische für Führungen und Verkostungen in den Keller zu locken. "Rollsdorf", scherzt der 35-Jährige, "ist immer einen Ausflug wert."

Das Konzept, überwiegend direkt zu vermarkten, hat sich bewährt. 90Prozent der Mühlen-Tropfen verlassen auf diese Weise den Keller. Schwalbe gefällt die Vorstellung: Weinliebhaber kauft beim Weinbauern. "Nur dann kann man sich über den Wein austauschen". Auch in einigen halleschen Lokalen und Weinhandlungen werden Schwalbes Erzeugnisse längst über Tresen und Ladentisch gereicht. Sieben weiße Sorten, zwei rote hat er zu bieten. "Der Rote reicht nie", hat sich gezeigt. Und der Weiße war bisher immer dann alle, wenn der neue Jahrgang Platz in den glänzenden Edelstahlfässern brauchte. "Passt doch." Und wieder lacht er, hell und freundlich.

Ein Stück vom Idealismus der ersten Jahre hat der Vater einer vierjährigen Tochter festgehalten. "Man kann zwar Wein produzieren und zu sich selbst sagen, es ist ein guter Tropfen, aber sicher kann man nicht sein." Der Quereinsteiger ins Weinfach will aber sicher sein und ist es doch nie: "Ist Geschmackssache." Worüber sich streiten ließe . . . In einem Punkt duldet René Schwalbe allerdings keinen Widerspruch: "Wir machen hier einen guten Wein." Rund um den Süßen See auf schätzungsweise 84Hektar. Sieben Flächen auf vier Hektar Rebfläche verteilt gehören ihm. Ein Hektar soll noch hinzu kommen, "aber dann reicht es wirklich". Schließlich will er weiterhin "alles selber machen". 4500 Löcher wollen noch gegraben werden - für 4500 neue Pflanzen. „Es ist schwere Arbeit.“ Und schöne? „Sicher, man ist ständig draußen in der Natur, pflegt die Landschaft.“ Und Kontakte. Jemanden zu kennen, der jemanden kennt ... Das hat sich bereits ausgezahlt. Selbst wenn es sich nur um einen winzigen Botendienst handelte – bis zum Gault-Millau-Autor.