Beste Südhanglage: René Schwalbes Weinberg im Mansfelder Land

»Man solle den Gästen einen guten Trunk geben, damit sie fröhlich werden; denn wie die heilige Schrift sagt: Das Brot stärkt das Herz des Menschen, der Wein macht ihn fröhlich«. Ob Martin Luther damit ausdrücklich den Wein aus seiner Mansfelder Heimat gemeint hat, ist nicht verbrieft. Das er ihn aber getrunken hat, ist sehr wahrscheinlich. Denn Weinbau betreibt man hier an den Mansfelder Seen, in der nördlichsten Ecke des Weinbaugebietes  Saale-Unstrut schon seit Zeiten Ottos II. Beurkundet wurde dies in einem Dokument aus dem Jahre 973, wo bei einem Gebietstausch aus­drücklich auch Weinberge erwähnt wurden.

Weinberge, an denen auch der Reformator gut 500 Jahre später bei seinen Reisen in die alte Heimat  vorbeigekommen ist. Der Weg von Wittenberg nach Eisleben führte entlang einer alten Han­delsstraße, die damals Leipzig und Göttingen verband. Heute liegt die historische Route größtenteils abseits der modernen Verkehrwege. In den kleinen Dörfern an der Weinstraße Mansfelder Seen herrscht beschauliche Ruhe.

So auch in Rollsdorf, wo einer der interessantesten Winzer der Region seiner Profession nachgeht. An einem Ort, an dem auch Martin Luther dereinst eingekehrt sein müsste. »Gleich hier nebenan befand sich ein großer Gasthof mit Pferdeumspannstation, deshalb auch die Adresse Raststätte 1«, klärt uns René Schwalbe auf. Der junge Mann mit dem Pferdeschwanz ist in der Gegend allgemein als der »Haldenwinzer« bekannt. Denn die Hälfte seiner Rebstöcke stehen auf einer Abraumhalde.

Und bei diesem Wort denken Menschen, die sich im Mansfeldischen auskennen, natürlich sofort an die bis zu 100 Meter hohen, kegelförmig aufgeschütteten künstlichen Berge, die der Kupferbergbau im Lauf der Jahrhunderte hier in der Landschaft hinterlassen hat. Selbst Luthers Vater hat als Bergmann und späterer Minenbesitzer schon seinen Anteil an der Erschaffung dieser bizarren Landschaft. Ein künstlicher Weinberg des Herrn? »Nein«, lacht da der Haldenwinzer des 21. Jahrhunderts, »dort oben werden Sie keinen Wein finden. Da musste ich schon Fritz Pleitgen enttäuschen, als der hier in der Gegend eine Reportage drehte. Auf Geröll und Schwermetallresten ist leider nichts zu machen.«

Und warum dann Haldenwinzer? »Das ist eine lange Geschichte«, meint Schwalbe und zieht den ersten Korken. Ein Weißburgunder Spätlese fließt ins Glas. Ein betörender Duft nach Grapefruit und frischen grünen Äpfeln. »Der kommt nicht von der Halde, sondern von meinen Stöcken hier bei Rollsdorf, wo alles anfing, damals, als ich noch studiert habe.« Das war in den frühen 1990er Jahren, in denen sich René Schwalbe auf den akademischen Weg zum diplomierten Landwirt machte. Gemeinsam mit drei Freunden wurde ein kleiner Weinberg gekauft, »zum Zweck der Deckung des Eigenbedarfs.«

Aus dem halben Hektar wurden zweieinhalb und aus dem studentischen Experiment ein landwirtschaftlicher Nebenerwerb. Für den einen, der die Arbeit machte. Die Freunde kamen seltener, und sowieso lieber zum Trinken. René Schwalbe fuhr hingegen nach Rheinhessen, um dort das Weinmachen richtig zu lernen. Schnell wurde ihm klar, dass man von zweieinhalb Hektar als Winzer nicht leben kann. Doch er fand niemanden, der ihm einen Weinberg verkaufen oder verpachten wollte.

René SchwalbeDa fiel sie ihm wieder ein – die Halde, auf der er während seines Studiums an der Martin-Luther-Universität in Halle, eine Boden-Dauerbeobachtungsstudie durchgeführt hatte. Doch die Halde war nicht durch den Kupferbergbau entstanden, sondern von einem Tagebaubetreiber im Rekultivierungsauftrag vor 20 Jahren zusammengeschoben worden. »Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist«, heißt es im Evangelium des Johannes. Die Erde, die sich jetzt in sanfter Hanglage auftürmt, hatte vorher das Kohleflöz bedeckt. Versuchte sich der moderne Mensch hier als Schöpfer? Oder nur in der Wiedergutmachung an der von ihm geschundenen Natur? Immerhin wuchsen inzwischen Pappeln, weideten Kühe oder pirschten Jäger durch die Flur. Einen Winzer hatte man aber noch nicht gesehen. René Schwalbe betrat Neuland auf zwei Hektar angepachteter Braunkohlenrekultivierungsfläche in bester Südhanglage. Allerdings erst nach gründlichster Tiefenprüfung des Bodens. Tertiäre Kiese und Sande kamen da zu Tage, darüber eine bis zu vier Meter mächtige Schicht Geschiebemergel, einem Mix aus Lößlehm, Granit und Porphyr. »Kein kulturfeindliches Substrat, nur ab und zu ein Kohlerest«, stellte Schwalbe fest und begann das Experiment seines Lebens. Im Jahr 2000 kamen 9.000 Weinstöcke in den Boden, in Reih und Glied und so gesetzt, dass mit dem Schlepper ein gutes Durchkommen war. Eine Arbeitserleichterung, die René Schwalbe zu schätzen weiß. Trotz Technikeinsatz setzt er auf schonende Bodenbearbeitung und Düngung. »Ich bin kein Ökotrittbrettfahrer, wo etwas fehlt, muss ich die Lücke schließen.« Im Fall der Halde waren das vor allem Phosphate, die dem Kunstberg fehlten und zugeführt werden mussten.

Drei Jahre Arbeit und kein Ertrag sind das harte Los des Neueinsteigers. »Man könnte auch sagen, die ersten drei Jahre sind in den Sand gesetzt. Deswegen ist es ja auch so schwierig, die Bank zu überzeugen, einen Weinberg zu finanzieren«, René Schwalbe öffnet eine Flasche Müller-Thurgau, Jahrgang 2005, von der Halde. Ein wundervoller Duft von eingeweckten Birnen steigt uns in die Nase, ein bisschen Quitte auch, und trotzdem ist es ein Wein mit Rückgrat, typisch für die Region. Inzwischen ist das schon der zweite Jahrgangvon der Halde, der René Schwalbe nicht enttäuscht. »Im Durchschnitt habe ich dort 10 Grad Öchsle mehr, eine höhere Säure und einen besseren Extrakt als auf meinen anderen Lagen.« Nur an einigen wenigen Stellen bleibt der Ertrag zurück. Trotz intensivster Erkundung der Ursachen kann niemand sagen, warum. Der einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn kann sich noch so sehr mühen, die letzten Geheimnisse behält der Schöpfer sich selbst vor.

»Ein Wein, der Luther nicht enttäuscht hätte«

Inzwischen firmiert der Haldenwein unter der Einzellagenbezeichnung »Stedtener Pastorenstieg«, nicht etwa, weil Martin Luther hier durch die Landschaft pilgerte. Der Name dieser Einzellage ist von einem alten Grundbuchauszug inspiriert, der hier in Vorbraunkohlezeiten wirklich einen Kirchweg verzeichnete.

Müller-Thurgau, Silvaner, Weißburgunder, Kerner, Zweigelt und Portugieser wachsen hier, dazu kommen noch Riesling, Gutedel, Kerner, Elbling, Frühburgunder und der Dunkelfelder auf den traditionellen Lagen. Die Sortenvielfalt des kleinen Weingutes überrascht. »Rein wirtschaftlich gesehen, hätte ich das sicher anders machen sollen. Aber die Lust am Neuentdecken ist bei mir doch immer wieder größer.«, sagt der Winzer. Das macht die Arbeit im Keller nicht leichter. Neben seinen Edelstahltanks hat René Schwalbe dort so manches »kleine Gefäß« mit Spezialitäten zu betreuen. Der selten gewordene Dunkelfelder brachte es in diesem Jahr gerade mal auf 250 Liter. Genug, um ein frisches Barrique-Fass zu füllen. Das Ergebnis steigt mit animalischen Tönen in die Nase, zeigt am Gaumen aber eine kräftige Harmonie von Beerenfrucht und Vanille. Nicht der typische Wein für die Region. Er erinnert eher an das sinnenfrohe Frankreich als an das karge Land der Reformation.

Auf jeden Fall ein Wein, der lagern darf und von dem Martin Luther überrascht wäre. »Alte Weine werden zu Krätzern, denn Weine über drei Jahre hinaus sind weniger wirksam. Hinweg daher mit den ruchlosen Kellermeistern, die Weine so lange aufbewahren, bis sie garstig werden. Sie behin­dern die gute Gabe Gottes und den Trost der Menschen«, schreibt Martin Luther. Und René Schwalbe lässt uns mit seinen Tropfen die Reformation in Weinberg und Keller schmecken. »Kontrolliertes Nichtstun« lautet seine Devise. Was meint, nur das zu machen, was wirklich nötig ist: »Den Most ordentlich schönen, lange Lagerung auf der Feinhefe, Erhaltung der Kohlensäure, niedrige Gärtemperaturen. Und vor allem nicht aus der Ruhe bringen lassen. Selbst wenn der Wein schon auf der Flasche ist, gehört er noch mal versteckt.«

Dazu ist wahrlich genug Platz in den beiden riesigen historischen Gewölbekellern aus Buntsandstein, die übrigens auch eine herrliche Akustik bieten. Was sich bei gelegentlichen Gastauftritten des Hallenser Gospelchores »Salttown Voices« eindrucksvoll beweist. Ein Ensemble, in dem René Schwalbes Lebensgefährtin und emsige Helferin im Weinberg, Carmen Lenke, mitsingt und damit schlussendlich dem Lutherspruch »Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Thor sein Leben lang.« seine Absolution erteilt.

Informationen über das Weingut finden sich im Internet. Weinverkauf und Schoppenausschank im Weinkeller an der Raststätte 1 in Rollsdorf bei Seeburg am Süßen See gibt es immer samstags und sonntags ab 11 Uhr und nach Vereinbarung. Weinproben ab 10 Personen sind im historischen Buntsandsteingewölbekeller oder auf der Weinbergsterrasse mit kleinem Imbiss oder großem Bufett möglich.

KERSTIN UND WOLFGANG SCHILLING